Ahlen: Was für ein Hype um das goldene Schamhaar

Das Telefon bei Gerd Buller steht nicht mehr still: Den Co-Vorsitzenden des Kunstvereins erreichen derzeit täglich Anrufe aus Redaktionen aus der gesamten Republik. Dabei geht es immer nur um eines: das mit Gold bedampfte Schamhaar von Rainer Langhans. Der Ex-Kommunarde aus der bekannten Kommune 1 im Berlin von 1968 war auf die Idee des Düsseldorfer Künstler-Duos Evelyn Möcking und Daniel Nehring eingegangen und hatte für die Ausstellung „68 wird 50 – Ein Mythos in der Midlife Crises“ in der Stadt-Galerie Ahlen ein Haar aus seinem Intimbereich zur Verfügung gestellt.

Kurator Ruppe Koselleck, der sich seit heute mit einer Studentengruppe auf dem Weg nach Ulan Ude im südöstlichen Sibirien befindet, um dort einen Workshop mit russischen Kunststudenten durchzuführen und zugleich ein neues Kunstprojekt mit „Magnetischen Translokationen“ zu initiieren, macht sich so seine Gedanken, warum das provokante Kunstwerk erst jetzt solch eine Medienaufmerksamkeit erregt.

Koselleck nimmt den Katholikentag in Münster in die Verantwortung, dass die ihm bekannten Medien bislang auf die Ausstellung im Kunstverein Ahlen nicht angesprungen sind. „Kurzum fast alle Journalisten, die mir vom WDR, der Deutschen Welle oder dem Deutschlandfunk bekannt sind, waren dort eingebunden“, erklärt der Kurator.

Erst die „Neue Westfälische“ habe die Nachricht über den Kunstpreis für die beiden Ex-Bielefelder aufgegriffen und eine Welle der Berichterstattung via dpa ausgelöst. Der Beitrag beim Privatsender SAT 1 am Mittwoch dieser Woche hätte ihn schon Schlimmes befürchten lassen.

In einem Statement zu dem Medienhype schreibt Koselleck: „Jetzt fragt der Kölner Stadtanzeiger gerade online, ob ein Schamhaar Kunst sein kann – und übernimmt via der Befragung eine zweite Juryrunde zur Arbeit?“ Dass die Installation „Searching for the Revolution“ von Evelyn Möcking und Daniel Nehring irgendwann überregionale Reaktionen auslösen würde, werde dieser sehr guten Arbeit auch gerecht und sei zu erwarten gewesen, schreibt der Kurator weiter.

Bei der Ausstellungseröffnung vor zwei Wochen hatte Ruppe Koselleck dem Künstler-Duo Evelyn Möcking und Daniel Nehring das symbolische Preisgeld von 1968 Euro überreicht.

Bei der Ausstellungseröffnung vor zwei Wochen hatte Ruppe Koselleck dem Künstler-Duo Evelyn Möcking und Daniel Nehring das symbolische Preisgeld von 1968 Euro überreicht. Foto: Dierk Hartleb

Allerdings sei es phänomenal, wie darüber berichtet werde – fast ausschließlich spektakulär und reißerisch, weniger still, konzentriert und schon gar nicht leise. Dabei könnten alle, die die Arbeit gesehen hätten, unschwer erkennen: „In der kontemplativen Stille liegt die hohe Qualität der Installation und des Filmes – nicht zuletzt führte die ästhetische Entwicklung eines Gegengewichts zum Spektakulären zur Vergabe des Preises.“

Alles bei Möcking und Nehring sei echt, vor-auratisch und proto-authentisch: Das Schamhaar, aber auch die Vergoldung, die wiederum nicht zwecks Aufwertung oder Auratisierung angewendet werde, sondern die sich technisch durch das REM herleite.

Koselleck weiter: „Und in der Auswertung und künstlerischen Aufwertung des Filmes, entsteht ein sensibles, zurückhaltendes und grenzpoetisches sowie schönes Werk der technischen und zugleich hochästhetischen Annäherung an ein Schamhaar. Hier wird ganz nebenbei die sexuelle Befreiung de- und rekonstruiert und entlang einer Linie entwaffnenden ost-westfälischen Humors.“

Für ihn als Künstler sei es überraschend, dass weder Möcking noch Nehring sich dazu äußern wollen, nur Fotos oder eben die Installation selbst sprechen lassen.